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Burkhart Veigel

„Er hatte seinen Platz in der Welt gefunden. Er wusste, dass er das Richtige tat: Er gab anderen die Freiheit.“ Als 1961die Berliner Mauer erbaut wurde, studierte Burkhart in seinem zweiten Jahr an der FU (Freie Universität) Berlin Medizin. Als er am frühen Morgen des 13. August ungläubig den schrillen Radiodurchsagen zuhörte, dämmerte es ihm, dass seine Studienfreunde auf der Ostseite des neu geteilten Berlins daran gehindert würden, ihre Kurse im Westen zu besuchen. Wie konnte es sein, dass eine unter dem Schutz der gemeinsamen alliierten Streitkräfte stehende Großstadt einseitig von den Russen geteilt werden konnte, ohne dass ein neuer Krieg daraus resultierte? Es war beängstigend. Doch im Laufe des Tages wurde nicht gegengesteuert, im Gegenteil, die Westberliner Regierung und die alliierten Kräfte forderten die Bevölkerung auf, ruhig zu bleiben und abzuwarten….

Während alle Nicht-Ostdeutschen darauf erpicht waren, Ostberlin zu verlassen, wollte Burkhart im Gegenteil unbedingt herausfinden, was dort vor sich ging. Er nahm die U-Bahn und ging nachsehen, wobei er die gerade errichteten Kontrollpunkte dank seiner westlichen Identität immer noch problemlos passieren konnte. Aber die Atmosphäre mit der im Bau befindlichen Mauer, überall Stacheldraht und streng kontrollierte Grenzübergänge, war schockierend und deprimierend. Burkhart beschloss, einen seiner Studienkollegen zu besuchen. Sie planten, wie man ihm einen passenden westlichen Pass besorgen und ihm helfen könnte, den nun vom Westen abgeschnittenen Teil Berlins zu verlassen.

Und so begannen etwa neun Jahre, während der er Freunden und Bekannten unermüdlich half, ein totalitäres Regime in Richtung auf die freie Welt zu verlassen. Sein Studium litt darunter, aber der Drang, anderen zu helfen, war größer als der Wunsch, ein guter Student zu sein. Seine Mutter verfluchte ihn dafür und enterbte ihn schließlich. Am Anfang, als das ostdeutsche Kontrollsystem noch nicht ausgereift war, waren die Reisen mit gefälschten Pässen auf die andere Seite noch relativ einfach. Im Laufe der Jahre wurde es immer schwieriger, aber Burkhart entwickelte weiterhin Pläne, um die Grenzsoldaten auszutricksen. Einige dieser Täuschungen wurden tatsächlich nie aufgedeckt.  Irgendwann wurde seine Identität bekannt, und er konnte nicht länger selbst in den Osten gehen. Stattdessen organisierte er ein Fluchthelferteam, das er mit den notwendigen Papieren ausstattete und das nach seinen Anweisungen handelte. Irgendwann war er völlig pleite, da es keine Mittel gab, um seine Bemühungen zu finanzieren.

Widerwillig musste er die Flüchtlinge um Hilfe zu bitten, aber erst, nachdem sie sicher im Westen angekommen waren. Er half beim Graben von Tunneln und ließ Autos umrüsten, um Flüchtlinge zu verstecken; das berühmteste von ihnen war ein gebrauchter Cadillac, der so umgebaut wurde, dass eine Person in das Armaturenbrett eingebaut werden konnte. (https://www.voanews.com/a/berline-wall- Jahrestag/2512371.html . Burkhart wurde zu einem der meistgesuchten Männer in der DDR. In dieser Zeit entkam er erfolgreich zwei Entführungsversuchen der Stasi.

Burkhart heiratete 1965. Im Jahr 1967 schloss er sein Doktorexamen und seine Promotion ab, während er  zugleich seine Arbeit als Fluchthelfer fortsetzte. 1969 wurde seine erste Tochter geboren. Nun drohten seiner Frau und seinem Kind ebenfalls die Geiselnahme durch die ostdeutsche Geheimpolizei. Daraufhin beschloss Burkhart, seine Aktivitäten an zwei Vertraute zu übergeben, damit die junge Familie ins sichere Hannover umziehen konnte.

Dr. Veigel wurde ein sehr erfolgreicher Unfallchirurg und Arzt mit einer eigenen Privatklinik in Stuttgart, die heute von seinem Sohn geleitet wird. Er trug in vielfältiger Weise zur Weiterentwicklung seines Berufsstandes bei, was ihm im ganzen Land Ansehen und Respekt verlieh. Als Bratschist leitete er viele Jahrzehnte lang das örtliche Privatorchester. Sein Leben und Wirken versteht er nach eigenen Worten als das eines christlichen „Fußwäschers“. Was er tut, tut er nicht für sich selbst, sondern weil es eben getan werden muss.

Für seine Verdienste als Fluchthelfer hat die Bundesregierung Burkart Veigel 2012 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Im Jahr 2016 rief er den Karl-Wilhelm-Fricke-Preis ins Leben, mit dem jährlich 25.000 Euro an Persönlichkeiten verliehen werden, die sich dafür einsetzen, Licht in die Geschichte der totalitären DDR zu bringen. Mit seiner Stiftung und der Website www.fluchthilfe.desetzt sich Burkhart dafür ein, dass die menschenverachtende Logik totalitärer Regime verstanden und entlarvt wird. Seit 2018 gehört er zum GHF-Team. Ja, es gibt noch viel mehr zu erzählen, aber dazu können Sie seine Bücher „Wege durch die Mauer“, 2011/15 und „Frei“ (mit Roswitha Quadflieg), 2018 lesen.