#StickYourNeckOut

Sabriye Tenberken und Paul Kronenberg

Kerala (Südindien), März 2020. Als wäre es die normalste Sache der Welt geht Sabriye Tenberken quer durch den Speisesaal und durch einen kleinen, schmalen Korridor in die Küche. Ohne eine Sekunde zu zögern. Von Zeit zu Zeit schnippt sie mit den Fingern. Und warum? Sabriye ist blind, und sie benutzt das Echo, um ihren Weg zu finden.

Aber noch beeindruckender ist die Tatsache, dass sie genauso entschlossen und selbstbewusst durchs Leben geht. Sabriye ist deutscher Herkunft und hat einen unglaublichen angeborenen Drang, die Welt zum Besseren zu verändern und anderen zu helfen, da sie genau weiss, wie es ist, marginalisiert zu werden. Zusammen mit Paul Kronenberg gründete sie die erste Schule für blinde Kinder in Tibet, nachdem sie ihr Studium der Zentralasienwissenschaften und Tibetologie abgeschlossen hatte. In Tibet wird allgemein angenommen, dass blinde Menschen in ihrem früheren Leben eine Sünde begangen haben müssen und deshalb bestraft werden. Für Sabriye und Paul ist es keine Frage, dass blinde Menschen gleichberechtigte Menschen sind und dass sie die gleichen Chancen im Leben erhalten sollten.

Wie Sie sich vorstellen können, war der Aufbau dieser Schule und später von „Braille ohne Grenzen“ kein Zuckerschlecken. Sie mussten alles hinter sich lassen – gegen den Rat ihrer Umgebung – und das Risiko eingehen, in einer völlig unbekannten Umgebung zu stranden, in der die allgemeine Denkweise nicht gegensätzlicher zu ihrer eigenen sein konnte. Besonders für Sabriye war dies eine Herausforderung, weil die Menschen in Europa dazu neigen, Blinde übermäßig zu beschützen. Aber sie wollte völlig unabhängig sein und all ihre Ressourcen dafür einsetzen, anderen zu helfen, die gleiche Unabhängigkeit zu erlangen, egal ob sie behindert sind oder nicht.

Doch die beiden sahen sich nicht nur mit Gegenwind aus der Heimat, sondern auch aus Tibet konfrontiert. Auf der einen Seite machte ihnen die chinesische Regierung sehr zu schaffen, sie mussten viel Bürokratie durchmachen – auf Chinesisch natürlich – und einmal wurde Paul sogar ohne Grund vorübergehend verhaftet. Auf der anderen Seite sahen die Dorfbewohner sie an, als seien sie Ausserirdische. Trotzdem gingen sie weiter, Schritt für Schritt.

Paul ist ein niederländischer Ingenieur und Experte für Handelstechnologie, Datenkommunikation und Informatik. Aber seine Kompetenzen sind noch weiter gefasst. Sein breit gefächertes Wissen erstreckt sich von umweltfreundlicher Architektur bis zur Unternehmensberatung und darüber hinaus ist er ein hervorragender Redner, der sein Publikum mit Humor und Kompetenz überzeugt.

Für das ehrgeizige Duo war die Schule und Braille ohne Grenzen nicht genug, sie hatten mehr Visionen. So schufen sie 2005 „kanthari“, sozusagen eine Fabrik für sozialen Wandel in Kerala. Es ist ein Hotspot für Visionäre, die sich nicht scheuen, alles daran zu setzen ihre Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Sabriye und Paul entwickelten einen speziellen 12-monatigen Lehrplan, eine „Reise in fünf Akten“, der den Teilnehmern alle Werkzeuge an die Hand gibt, die sie brauchen, um ihr eigenes soziales Projekt zu starten und zum Erfolg zu führen. Gegenwärtig gibt es weltweit mehr als 140 aktive Kanthari-Projekte in über 40 Ländern. Es liegt auf der Hand, dass es einen Giraffenhals braucht, um, so viele Kanthari-Projekte zu verfolgen. Wenn Sie wissen wollen, was das Wort kanthari bedeutet, finden Sie die Antwort auf www.kanthari.org 😉

Die Zwei sind ein geniales Duo von „Bergsteigern“, die neue, ungesicherte Kletterwege entdecken, die noch niemand zuvor getestet hat. Abgründe, die vielen anderen Menschen Angst machten und zur Umkehr zwangen, waren für sie eine lösbare Herausforderung. Sie zeigen uns, wie wir unser Maximum erreichen, wie wir über den Abgrund springen können und nur aus einem einzigen Grund zu handeln vermögen, anstatt uns von tausend anderen beirren zu lassen. Sie sind Meister darin, Nachteile in Vorteile zu verwandeln und das Beste aus den gegebenen Zutaten zu machen.  Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

Sabriye ist ein echtes Vorbild, wenn es darum geht, einen unbekannten schwarzen Raum mit Phantasie und Vorstellungskraft zu füllen, anstatt sich davor zu fürchten. Das ist eine wertvolle Eigenschaft, da wir alle blind für die Zukunft sind, besonders in diesen Zeiten von Corona.

Aber selbst wenn die Zukunft unbekannt ist und nun zusätzlich von einem Nebel der Ungewissheit umhüllt scheint, was haben wir zu befürchten, wenn wir von solchen visionären Leuchtfeuern begleitet werden?

Wir können dem mit Neugier und Zuversicht entgegensehen!

V.R. Basel, 13. April 2020